WIESBADEN BASED GALLERY | RARE OR UNIQUE

CONTEMPORARY + MODERN WORKS ON PAPER

Foto: Albert Renger-Patzsch, Schubert & Walzer III, Ingolstadt (um 1950) Vintage Abzug 16,3 x 23,0 cm

Ah! Moderne! Koch | Kühn | Leitner | Renger-Patzsch | Wolff

Die Ausstellung "Ah! Moderne!" zeigt fünf Positionen der Frühen Moderne.

Präsentiert werden Konvolute mit Originalen aus der Frühzeit des Industrie-

Zeitalters, das in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Alltag

seine neue Sicht fand: mit Vintage Abzügen von Heinrich Koch, Fritz Kühn,

Emil Leitner, Albert Renger-Patzsch sowie Paul Wolff. Allen Werken wohnt

das Bewußtsein einer verlorenen Identität inne, die sich maschinenhaft

Ausdruck im Seriellen bahnt. Die Aura ist da längst perdu - an die Stelle

der Einzigartigkeit tritt prosaisch-stereotyp das Ornament der Masse hervor.

Die 24 Werke der ausgestellten Fotografen sind Originale aus der Frühzeit

der Moderne, die zumeist Unikat sind. Sie behaupten damit ihre Einmalig-

keit. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte über die Ausstellung: „Mit

'Ah! Moderne!' lässt sich in der Galerie Kleinschmidt fotografische Haltung

studieren." Der Kunstkritiker Christoph Schütte schrieb dort: „Da darf man

schon mal mit der Zunge schnalzen.“ Sehen können Sie die Fotokunst indes

selber.

 

Klaus Kleinschmidt

Abbildung: Eleanor Macnair aus der Serie 'Signs' (2023) | Original Photograph by Diane Wakoski, New York (1963), No More Art! | Lecture of Henry Flynt - Photograph rendered in Play-Doh

Fotografie gezaubert aus Knete: die wunderbare Sicht der Eleanor Macnair

Ein Demonstrant hält sein Plakat so vor das Gesicht, dass man ihn nicht erkennt. Auf dem Plakat steht groß in Lettern: Dieser Bereich wird bald saniert. Allein an der Unart, den Schlüsselbund am Hosenbund zu tragen, und an der Beule in der Hose lässt sich erahnen: Dahinter steht ein Mann. Ob man das Wort ‚Area‘ nun mit Bereich oder mit Gebiet oder mit Gegend übersetzt, ist ganz einerlei: der Hinweis bleibt ambig.

Es geschehen immer noch Zeichen und Wunder. Erstere stammen von Eleanor Macnair und letztere sind just ihre Geschöpfe. "Signs" heißt da die brandneue Ausstellung der wunderbaren Eleonor Macnair lapidar. Diese wurde 1977 in Nottingham geboren. Der Titel 'Signs' ist eine Huldigung an das große Vorbild Gillian Wearing, der Meisterin der Masken wie des Vexierbilds, deren ähnlich tönende Werkserie im Originaltitel ungleich länger ausläuft. 'Signs' ist dabei mehr als nur griffige Kurzformel. Signs stellt ein ganzes Konzept dar: Was Fotografie war, dann Knetbild ist, wird wieder zur Fotografie.

Eleanor Macnair ist damit - neben der ebenso großen Knete-Artistin Nathalie Djurberg - das weibliche Pendant im Trio und also Demiurgin in der Kunstwelt der zeitgenössischen Fotokunst. Frank-frech-fröhlich hat sie allerlei Ikonen der Fotohistorie - gewissermaßen nach der Fotografie - geknetet und gewalkt. Und mit dieser ihrer Fingerfertigkeit in der Transformation deren Werke wie deren Stellung neu gedeutet und gewichtet. So entstand über die Jahre eine Art Who is Who der Fotografie. Das Konzept ist genial wie simpel: Nach dem Original [Fotografie] wird nun zuerst mal ein Knetbild gemacht. Nach dessen Fertigstellung und Vollendung wird das Knetwerk, das auf eine berühmte Ikone der Fotografie rekurriert, noch an der Wand ins Porträtlicht gesetzt und schließlich fotografiert. Das Original aus Knete wird am Ende zerstört und als Masse nach Farben sortiert recycelt. Die doppelte Umwandlung bewirkt so eine Reflexion von Form und Inhalt zudem. Das finale Werk gleicht nicht selten einer Offenbarung.

Eleanor Macnair knetet und kreiert - seitdem ihr eines späten Abends im Jahr 2013 in London bei ihrem Workout nach Feierabend diese verrückte Idee zum Relaxen überkam. Ihren Job in der National Portrait Gallery hatte sie just beendet. Nun im Job im Science Museum tags noch die Ikone vor Augen, abends bald das Werk flugs auf dem Küchenbrett geknetet. Sie haucht ihren Figuren Odem ein. Und sie tut das alsbald ganz furios. Ihre Figuren fühlen beinah mit ihr mit: Enttäuschung findet sublim ins Antlitz, Melancholie subtil in die Pupillen, Traurigkeit superb in den Blick. Noch den Anflug zartester Verbitterung zaubert sie um den Mund. Oder einen Hauch jäh aufkommender Frustration in die Wangen ihrer Knetfiguren hinein. Das Ergebnis übertrifft mitunter sogar das ohnehin schon oft gloriose Vorbild, das als Porträt die Vorlage bildet. Das meist kunterbunt gehaltene Knetporträt aus Kinderknete lässt den Betrachter verblüfft zurück: Wie wunderbar! Ist das schon Magie - fragt der - oder noch Play-Doh?

Derweil sind so viele Ikonen aus dem Olymp der Fotografie vertreten. Darunter auch Künstler der Galerie. Die ganze Liste an Knetwerk von 2013 bis 2023 ist dabei längst sechs veritable One Woman Shows lang. Nebenbei quasi lernt der Bewunderer im Spiel Fotogeschichte. Nicht ganz ohne Stolz verweisen wir darauf, dass die Künstlerin in der Ausstellung 'Home Sweet Home' bald mit drei Werken zwischen einer runden Hundertschaft berühmter Originale der Moderne, jene verbürgt ganz echt-seriös in Ölfarbe oder in Ölkreide, von Beckmann, Bonnard, Degas, Chagall, Kirchner, Kollwitz, Macke, Modersohn-Becker, Munch, Münter, Pechstein, Picasso bis Schmidt-Rotluff und weiteren in Ingelheim hängt. Auch die andere Knetvirtuosin, Nathalie Djurberg, ist dort mit dabei.

Vom Dichter, Poeten, Maler, Zeichner Wilhelm Busch [1832-1908] stammt das Bonmot als Reim: "Wie wohl ist dem, der dann und wann, sich etwas Schönes dichten kann." Er konnte bissig sein. Bilder mit Humor und Reimen waren sein Elixier. Mit Replik auf ihn lässt sich über die so wunderbare Eleanor Macnair sagen: Auch sie ist mit ganzer Seele Dichterin. Nur, dass sie sich in Knete ausdrückt. Ihre Werke sind Poesie mit einer extra Portion Prosa darin. In ‚Signs‘ trägt der Bürger die Botschaft direkt als Programm der Ästhetik bei. Der steht damit in bester politischer Tradition der Angelsachsen für seine Sache ein. Das ist nicht untypisch für den Empirismus der Briten im Diskurs der Kunst. Und gut so.
Eine Frau hält im Frust ihr Schild hoch. Darauf steht: "I am Really Cross.“ Martin Parr fing das Bild ein, als die geladene Stimmung im Volk vor dem Brexit 2019 in Bristol kippt. Eleanor Macnair griff das Foto als Idee für ihr Werk sofort auf. 2023 knetet sie los: Mit Hackbrett, Weinflasche, Werkmesser. Alltag, Ästhetik, Politik bilden ein Scharnier im Werk von Eleanor Macnair. Alles Krude taugt zum Credo: gegen Armut, Apartheid, Brexit, Eliten, Gewalt, Justiz, Krieg, Manipulation, Nationalismus, Populismus, Rassismus, Sexismus, Staat, Willkür. Auf dem Banner findet noch jede Form der Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Ungleichheit oder Unterwerfung zur Polis. Das Rohe und das Zarte, Diktatoren und Kunst, stehen in der Ära Erdogan, Orban, Putin, Trump, Wilders folglich frontal im Argwohn gegenüber. ‚Signs‘ ist da im Wortsinn Aufstand und Demonstration der Unbotmäßigen im Kulturkampf für die Demokratie. Darf Kunst so plakativ sein? "Darf?" Sie muss. Stand up!

Wer nun allerdings glaubt, Eleanor Macnair sendet in ihrer aktuellen Werkserie 'Signs' nur schlicht simple Botschaften mit politischen Statements aus, der sieht sich abermals auf dem Irrweg. Denn die leicht lesbaren Botschaften, so plakativ sie auch, in Versalien zumal, auf dem Banner prangen, sind oft voller Ambivalenz, Humor, Ironie oder Komik. Das tritt in den Werken von Keith Arnatt, William Carnago, André Tót, Diane Wakoski und Gillian Wearing deutlich zutage. Deren Botschaften wie "I 'M A Real Artist" (Arnatt) und "This Area Will Gentrify Soon" (Camargo) und "Nowhere" (Tót) und "No More Art" (Wakoski) und "I 'M Desperate" (Wearing) sind doppeldeutig und nicht wörtlich zu nehmen. Im Gegenteil: Diese stehen gern diametral zur Bildaussage. Photographs rendered in Play-Doh der Eleanor Macnair - das sind nicht selten ernste Comics mit viel Bildwitz und Sprachwitz - wie etwa die eines Robert Crumb. Hier nur eben solche in Wort und Knete.

Ein Mädchen hält eine Schrifttafel vor sich. Wir lesen darauf ihren Namen: Sinaida Grussman. Sie schaut mit der Energie der Hoffnung in die Kamera. Hoffnung und Traurigkeit fallen dicht zusammen. Hier zeigen sie sich sogar in einem Bild: Als der Fotograf Charles Haacker zum Kriegsende 1945 sein Suchbild schoss, war der Holocaust gerade mal eben vorbei. Millionen Juden waren von den Nazis im Konzentrationslager Dachau ermordet worden. Sinaida hatte wie durch ein Wunder überlebt. Sie gehörte zu jenen 614 Kindern, die wochenlang nach der Kapitulation als Vertriebene nahe dem KZ Dachau umher irrten. Sie hatten ohne ihre Eltern Chaos, Grauen, Wirren des Kriegsendes allein überstanden. Diese „verlorenen Kinder“, deren Schicksal sich die Pädagogin Greta Fischer im Kloster Indersdorf beherzt annahm, sie hatte zuvor bei Anna Freud in Wien Psychoanalyse studiert, waren zutiefst traumatisiert. Nicht wenige bis in das Mark ihrer Seele verstört. Eleanor Macnair hat der damals kleinen Sinaida und damit der ganzen Kinderschar sowie der großen Greta Fischer ein Denkmal geknetet - ein Memorial der Unbändigkeit des ungestümen Lebens gerade zur rechten Zeit.

Die Ausstellung 'Signs' besteht aus zwölf Arbeiten. Sie ist bei Kleinschmidt Fine Photographs in Wiesbaden ab 9. Februar zu sehen. Zu der Schau von Eleanor Macnair erscheint ein umfangreicher Werkkatalog mit dem Titel 'Whilst the World Sleeps' und einem Essay für 35,00 €. Dieser kann über die Galerie bestellt und dort direkt ab Mitte März 2024 bezogen werden. Ein Muss für alle, die ein Werk von Eleanor Macnair erwerben wollen - oder bereits erworben haben. Bestellung per E-Mail [mail@klauskleinschmidt.de] möglich und gegen Vorkasse.

 

Copyrights: Eleanor Macnair [Bild] - Klaus Kleinschmidt [Text]

[Abruck für Bild und Text nur mit Zustimmung und Nennung der Autoren]

Ausstellung: Ah! Moderne! Koch, Kühn, Leitner, Renger-Patzsch, Wolff [Group Show] | Dauer der Schau: 05.04. bis 24.05.24. Ihre Anmeldung mit Termin zur Öffnungszeit ist erforderlich! Mi, Do, Fr 14-18 Uhr.

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