Erschaffung und Zerstörung | Edification and Destruction - Stolz | Schmölz | Macnair [Group Show]
Claus Stolz ist ein Zerstörer. Er bringt Bilder in der Serie 'Sonne' mit einem leisen Zischen zum Platzen. Jede Belichtung bei ihm killt ein Negativ oder ein Positiv. Der Fokus der Brennweite muss stimmen. Dann brennt es in der Kamera. Rauch steigt auf. Eine Brandspur zieht durch das Negativ oder Positiv. Ihr Verlauf hängt rein von der Belichtungszeit ab. Und vom Winkel der Sonne. Also: morgens steil im Anstieg, abends steil im Abstieg. Mittags brennt die Belichtung einen Strich als Horizontale ein. Die Farben variieren auf einer Palette - je nach Hersteller - von Blau, Braun, Gelb, Grün, Rot bis Zartsilbergrau. Agfa brennt also anders als Kodak oder Fuij. Schöner kann Zerstörung kaum sein.
Karl Hugo Schmölz hat, noch in den Wirren des Nachkriegs, in der jungen Bundesrepublik, beides parallel fotografiert: Erschaffung und Zerstörung. Die Zerstörung rundum in Köln im Jahr 1943, ein Jahr nach dem verheerenden Luftangriff der Royal Air Force am 30. Mai 1942 mit 1.000 Bombern, eine ganze Stadt in Schutt und Asche, aber auch den Aufbau dort überall. Seine Ruinenbilder wirken fast so erhaben wie Veduten. Als ahnte er darin bald den Uranfang: Inmitten längst stiller Bombentrichter - und nach alledem Bersten und Getöse lauter Zerstörung - sucht er 1945, gelenkt von einem antiken Bogen, was übrig ist. Da fällt, fast wundersam amön, sein Blick: auf den von Englands Bombern der RAF im Krieg letzlich nur knapp, um Haaresbreite, verschont gebliebenen Dom zu Köln. Siehe da: Der Glaube trotzt in seiner Stätte der Gewalt. Oder etwa die Rodenkirchener Brücke im Jahr 1946, die sich kurz später kühner als weiland die frühere Moderne, diesmal wagemutig an dicken Stahlseilen, über den Rhein traut.
Ganz anders: Eleanor Macnair. Sie hat ein Kind nach dem Vorbild des durch dies bekannt gewordenen Reporters Thomas Dworzak geknetet. Jenes Kind verkaufte inmitten der Ruinen von Grozny - man glaubt es kaum - dort 2002 fröhlich bunte Luftballons. Allein seine fest zugehaltenen Augen sagen uns etwas anderes. Es will von alledem Krieg ringsum nichts mehr sehen. Ihre Werkserie Eyes Wide Shut zeigt das Programm ihrer Fotokunst sublim: rendered in Play-Doh. Das Kunstwerk verdankt sich, wie bei Claus Stolz, einer radikalen Umwandlung.
Der Unterschied beider könnte größer kaum sein. Bei ihr, der Rebellin, erst Nachahmung in bunter Spielzeugknete. Und nach Herstellung des Knetbildes: schließlich Modellsitzen mit Porträtlicht zum finalem Lichtbild. Erst danach: Zerstörung des Knetbildes und Rücksortierung der Knetmassen nach Farben. Bei ihm, dem Ästheten, liegt in der Zerstörung kraft Belichtung [Verbrennung], die sich als Brandspur Bahn bricht, schon der Keim allen Uranfangs: das ewig Neue in der Entstehung. Zerstören und Zufall spielen sich dabei in die Hände.
In der Ausstellung fragt sich nun der Besucher: Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen? Wie wirkt der Abstand aus der Totalen und wie die Perspektive auf den Betrachter. Kann Zerstörung denn schön sein? Und läßt Entstehung von alledem Großen uns Augentiere erhaben schauern, mithin staunen, wundern? Und wenn die Fragen auch weiter wirken, so ist doch der Vorhang schon etwas gelüftet. Denn der Zusammenhang zwischen Erschaffung, also Entstehung von Etwas, und Zerstörung, also Niedergang von Etwas, leuchtet jedem ein. Derweil versinkt die Welt im Krieg; düster nur glimmt die Fackel der Aufklärung; Diktatoren und Tyrannen haben zur Zeit Konjunktur. Kaum zwei Handvoll von ihnen wetteifern rund um den Globus um das Sagen. Fünf von ihnen sind beinah debil oder senil. Doch das stört Zerstörer nicht.
Der Kampf um die Bilder geht weiter. Da wirkt ein Bild wie Sonne 100 von Claus Stolz wie ein Durchschuss in Nichts, wie ein Fanal in eine fremde Welt. An der Schwelle einer neuen Epoche blicken wir alle in den Abgrund tief. Boden ist da nicht zu erkennen. Zu tun gibt es indes genug. Ein Werk sucht im Agitprop die Polis. Ein anderes im Bildersturm Besinnung. Ein Drittes in der Zerstörung die Entfesselung von den Zwängen der technoiden Gesellschaft. Neuer Bürgersinn und innere Wahrhaftigkeit gepaart mit äußerer Wehrhaftigkeit, kurzum ein neuer Liberalismus mit Tugendsinn, täte not: nur Mut.
Auf denn.
Copyright Text: Klaus Kleinschmidt // Courtesy Bild: Kleinschmidt Fine Photographs and the artist.